Mir dämmert da was

Der Niedergang der Bildung, der Ausverkauf der Buchkultur, das Sterben der klassischen Buchhandlungen, der Verfall des Urheberrechts – ja manchmal sogar der „Untergang des Abendlandes“ – werden gerne beschworen, wenn von den rasanten Äderungen die Rede ist, denen „das Buch“ derzeit unterworfen scheint.

 

Da tut es gut, wenn jemand sich einmal die Zeit nimmt und innehält, um sich „das Buch“ und die Gegebenheiten rund um dieses beinahe mystische „Ding“ aus allen Richtungen anzusehen. So geschehen in dem von Detlef Bluhm zusammengestellten Band BÜCHERDÄMMERUNG.

 

Bluhm-Bücherdämmerung

 

Bluhm, selbst im Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels tätig, hat gemeinsam mit acht weiteren „Buch-Experten“ in einem Dutzend kurzer Übersichtsartikel Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Buchherstellung, -vertrieb und –rezeption unter die Lupe genommen und so aufbereitet, dass Leser, Autoren, Händler, Kritiker und alle anderen, die sich beruflich oder aus reiner Liebhaberei mit „dem Buch“ auseinandersetzen (müssen), gleichermaßen informiert wie unterhalten werden.

Betrachtet werden in BÜCHERDÄMMERUNG unter anderem die historischen Wurzeln und die mehr als fünfhundertjährige Geschichte des Buchdrucks, die Entwicklung des Urheberrechts aus dem Wunsch heraus, als Autor von seinen Einfällen leben zu können, die Dienstleistungen, die ein Verlag mit all seinen Mitarbeitern und Abteilungen erbringt, bis der Leser das Objekt seiner Begierde in Händen halten kann, die Rolle, die Vertrieb und Buchhandel in dieser „Verwertungskette“ einnehmen – und wie sich all dies verändert durch die Digitalisierung und die „Entstofflichung“ dessen, was bisher „das Buch“ war.

Einblicke gibt es in die bereits vorhandenen oder gerade eben am Zukunftshorizont auftauchenden neuen Medien wie Internet und E-Book-Reader, DRM und E-Pub sowie die Möglichkeiten und Gefahren, die eine ständig expandierende Soft- und Hardware bieten – und zwar nicht nur für die „klassischen“ Protagonisten, sondern auch für neue „Mitspieler“ wie Statistiker, Hacker, Geheimdienste und was sich im Zusammenhang mit nicht-analogen, nicht-stofflichen, nicht-beherrschbaren „Daten“ noch so alles vorstellen lässt.

Es gehört nicht zu den kleinsten Verdiensten, die sich Bluhm mit diesem schmalen aber inhaltsreichen Werk erworben hat, dass die Beiträge allesamt ausgewogen und unaufgeregt geschrieben sind, dass sie erstklassig recherchiert wirken und ihr Inhalt auf eine Weise vermittelt wird, die man nur gelungen nennen kann. Auch das (Gedanken-)Spielerische kommt nicht zu kurz, gestattet sich Bluhm doch in seinem Beitrag „Der Buchhandel und seine Kunden“ einen kurzen Ausflug und besucht in der Fantasie „(s)eine Buchhandlung im Jahr 2020“.

Bücher haben bisher in unser aller Leben eine gar nicht hoch genug zu schätzende Stellung eingenommen. Diese Stellung verändert sich gerade eben in einer niemals vorhergesehenen und heute noch nicht abzuschätzenden Weise. Bluhm hat mit dem Begriff der BÜCHERDÄMMERUNG eine sehr gut passende Metapher dafür gefunden – steht es doch noch gar nicht fest, ob es sich um eine Abend- oder sogar um eine neue Morgendämmerung handelt.

 

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Herrmann Ibendorf

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Bibliografisches:

Detlef Bluhm (Herausgeber)

Bücherdämmerung – Über die Zukunft der Buchkultur.

Mit Beiträgen von Detlef Bluhm, Dietmar Dath, Jan Hegemann,

Thomas Macho, Volker Oppmann, Elisabeth Ruge, Stephan Selle,

Klaus Sielker und Katja Spichal

Darmstadt, Lambert Schneider (WBG), 2014, 160 Seiten

ISBN 978-3-650-40003-1 (Buch)

ISBN 978-3-650-73798-4 (eBook – PDF)

ISBN 978-3-650-73799-1 (eBook – epub)

 

Sie haben viel mehr Leser verdient

Ja, das haben sie, die 125 Briefe, die Herausgeber Shaun Usher in dem großformatigen Prachtband LETTERS OF NOTE – BRIEFE, DIE DIE WELT BEDEUTEN zusammengetragen hat, was der englische Untertitel „Correspondence Deserving of a Wider Audience” auch etwas deutlicher vermittelt.

 

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In Zeiten, da selbst eine E-mail für einen Großteil der nachwachsenden Generation schon zu den überholten Kommunikationsformen gehört, in denen pseudo-stenographische Kürzel in Echtzeit über soziale Medien ausgetauscht werden und selbst der oder die Aufmerksamste nach gefühlten fünfzig Nachrichten in sechzig Sekunden nur noch summarisch Auskunft über die Tendenz des in den letzten Stunden Übermittelten geben kann –, in solchen Zeiten und unter solchen Umständen kann man ein Buch wie LETTERS OF NOTE gar nicht genug loben und lieben.

Dabei ist es noch nicht einmal so, dass Usher hier nur schöne, lange und handgeschriebene Liebesbriefe aneinanderreiht. Nein, es sind auch Telegramme, Postkarten, in Stein gemeißelte oder in Kokosnussschalen geritzte Kurznachrichten enthalten, maschinengeschriebene Typoskripte, vorgedruckte Ablehnungsbescheide und mit schneller Feder Hingeworfenes.

Kurz gesagt: Gezeigt wird die ganze, leider fast schon nur noch historische, Vielfalt, die jahrtausendelang dem Briefeschreiben eigen war.

Die Inhalte sind dabei ebenso sorgfältig ausgewählt wie die Absender und Adressaten, sodass ein bunter Reigen der interessantesten Menschen und Themen auf diesen 400 Seiten auftaucht. Die gelungene Präsentation in Form von auf den linken Seiten abgedruckten Umschriften der einzelnen Briefe (begleitet von kurzen editorischen Hinweisen), die von den Faksimiles der Originale oder von Bildern der Autoren gekontert werden, ist ebenso vorbildlich wie die äußere Gestaltung des Bandes (rotes Ganzleinen, Fadenheftung, Lesebändchen).

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Unter all den großen Namen (von Kurt Vonnegut bis Philip K. Dick, von Emily Dickinson bis Virginia Woolf, von Groucho Marx bis Woody Allen, von Mick Jagger bis Abraham Lincoln) findet wohl jeder Leser, jede Leserin seinen/ihren Liebling – doch sind es oftmals gerade die Schreiben völlig unbekannter Menschen, die den größeren Eindruck nach der Lektüre hinterlassen.

Wie zum Beispiel der Eil-Brief eines australischen Schuljungen, der 1957, kurz nach dem Start der sowjetischen SPUTNIK 1, den Raumfahrtingenieuren seines Heimatlandes die „Konstruktionszeichnung“ eines australischen Raumschiffes zusandte – wofür sich die Air Vehicles Division in Brisbane dann 2009 endlich bedankte.

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Wie zum Beispiel der anonyme Drohbrief an Martin Luther King, oder die niemals abgeschickten Bittbriefe einer Psychiatriepatientin, in denen sie ihren abwesenden Ehemann unaufhörlich anfleht „Komm, komm, komm …“.

Nochmals JA! – Sie haben tatsächlich ein größeres Publikum verdient, diese „bemerkenswerten Briefe“, die einen Einblick gewähren in das Leben – und oftmals auch das Sterben – bekannter und unbekannter Personen, die uns nach dem Lesen ihrer Niederschriften manchmal „näher“ zu stehen scheinen, als die meisten unserer unzähligen „digitalen“ Freunde – und die garantiert länger im Gedächtnis bleiben als jede elektronische Kurznachricht.

 Herrmann Ibendorf

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Bibliografisches:

Shaun Usher (Herausgeber)

Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten.

Diverse Übersetzer

Illustriert mit vielen farbigen und schwarzweißen Abbildungen

(OT: Letters of Note. Correspondence Deserving of a Wider Audience / 2013)

München, Heyne, 2014, 408 Seiten

Großformat, Leinen mit Schutzumschlag und Bauchbinde, Fadenheftung, Lesebändchen.

ISBN 978-3-453-26955-2

 

Then the bird said, `Nevermore.‘

 

„Jeder kennt sie, kaum einer mag sie. […] Sie scheinen überall schon dagewesen zu sein, wo man gerade hinkommt. Ob morgens im Dunkeln am Nordkap, mittags in einem Wald in Neu-Kaledonien oder an einem gottverlassenen Ort in der öden Weite Alaskas: Irgendwann tauchen Krähen auf und tun bestimmt nicht so, als sei ihnen die Gegend genauso fremd wie den Menschen, die diese Winkel zum ersten Mal betreten. […] Man könnte auch sagen: Die Kulturgeschichte der Menschen vollzieht sich unter der Beobachtung der Krähen.“ (S. 7/8)

 

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Ein Sachbuch über Krähen – aber ein sehr ungewöhnliches Sachbuch. Hinterher ist man klüger und weiß vermutlich so gut wie alles, was es über Krähen zu wissen gibt, aber mittendrin im Buch, während man sich von Kapiteln über das Sozialverhalten der Vögel („Die Krähen vom Kreuzberg“) und ihrer Bewunderer („Konrad, die Krähe“) zum Vorkommen in artifiziellen Medien („Hitchcock und die bösen Krähen“) vorarbeitet – da mittendrin denkt man gar nicht daran, dass KRÄHEN ein Sachbuch sein könnte. Viel zu persönlich, unterhaltsam und – ja – mitreißend ist der Text von Cord Riechelmann geschrieben. So gar nicht, was man hierzulande unter „Wissenschaft“ versteht. Dafür sehr viel von der englischsprachigen Tradition der gut lesbaren Wissensvermittlung geprägt.

 

Ein außergewöhnliches Buch, zudem ungewöhnlich schön aufgemacht (Dank an Frau Schalansky), mit vielen tollen Abbildungen und einer Literaturliste, die neben ornithologischen Fachwerken auch Prosatexte enthält. Denn den Rabenvögeln entgehen wir – Nimmermehr!

 

 

Herrmann Ibendorf

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Bibliografisches:

 

Cord Riechelmann

KRÄHEN. Ein Portrait.

Berlin, Matthes & Seitz, 2013, 156 S.

Reihe Naturkunden, No. 1; hrsg. v. Judith Schalansky

ISBN 978-3-88221-048-4

 

Lesen wie im Paradies

Die Erschaffung eines Universums ist Schwerstarbeit. Jehova nahm danach eine Auszeit, Vishnu gönnte sich ein Mittagsschläfchen. Science-Fiction-Universen sind nur winzige Wort-Welten, aber selbst dafür braucht es einiges Nachdenken; und bevor sie sich für jede Geschichte ein neues Universum ausdenken, bevorzugen es einige Autorinnen, ein bereits vorhandenes Universum weiter zu verwenden, manchmal solange, bis es sich ganz weich anfühlt und ein wenig wie an den Rändern ausfranst und es passt wie ein altes T-Shirt.“

 .                                                                                               Ursula K. Le Guin – „Vorwort“; in: VERLORENE PARADIESE (S. 7)

 

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Nachdem es sich die großen deutschen Verlage seit einigen Jahren erlauben, eine Autorin wie Ursula K. Le Guin „links liegen“ zu lassen, ist es dem kleinen, aber rührigen Atlantis Verlag gar nicht hoch genug anzurechnen, dass er sich der großen alten Dame der amerikanischen Science Fiction angenommen hat und ihren weltweit gefeierten Kurzroman PARADISES LOST (2002) soeben unter dem Titel VERLORENE PARADIESE zeitgleich in zwei Einbandvarianten als Buch und zudem als e-book veröffentlicht.

Der Roman behandelt die Erlebnisse der Besatzung eines Generationenraumschiffs, das bereits seit mehr als einhundert Jahren von der Erde aus unterwegs ist, um einen erdähnlichen Planeten zu erforschen und auf eine mögliche Besiedlung hin zu überprüfen. Allerdings entwickelt sich weder das Zusammenleben an Bord der Discovery so wie geplant, noch verläuft die Reise durch den Weltraum nach den ursprünglichen Vorgaben. Als der Zielplanet dann erreicht wird, müssen sich die Menschen im Schiff entscheiden, ob sie ihren Auftrag erfüllen wollen, oder ob sie einem religiösen Führer auf seinem Weg zum „ewigen Leben“ folgen wollen …

Ursula K. Le Guin erzählt diese Geschichte in einem wunderschönen, unaufgeregten Stil, der in gewohnt konzentrierter Form alles Wesentliche enthält und dabei die zwei Hauptprotagonisten in einer Tiefe und Lebendigkeit präsentiert, dass man schon nach wenigen Seiten in Hsing und Luis verliebt ist und ihren Lebensweg begleitet, wie den von Freunden oder Familienmitgliedern. Dabei ist die Oberflächenhandlung mit einem vielschichtigen Geflecht aus literarischen und philosophischen Anspielungen, sozio-psychologischen Betrachtungen und religionskritischen Erwägungen unterfüttert – der Mikrokosmos im Inneren der Discovery als Spiegel der Ereignisse in der (unserer) Außen-Welt.

VERLORENE PARADIESE gehört nicht in den Bezugsrahmen der „Hainish“-Geschichten, sondern steht singulär im Gesamtwerk der Schriftstellerin. Als utopisches Spätwerk ist es das Ergebnis einer lebenslangen Suche nach der „Besten aller Welten“ – und nach einer Zukunft in der Autorin und Leser gleichermaßen gerne leben wollen.

Der Text wurde von Horst Illmer ins Deutsche übertragen, ein Vorwort der Autorin und ein Nachwort des Übersetzers bilden den adäquaten Rahmen, das umlaufende Einbandmotiv stammt von der Würzburger Künstlerin Maran Alsdorf. Neben der im Buchhandel erhältlichen „Normal“-Ausgabe mit kartoniertem Einband gibt es direkt beim Verlag auch noch eine fest eingebundene (und trotzdem preiswerte) Sammler-Ausgabe in der EDITION ATLANTIS.

 

Herrmann Ibendorf

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Sachdienliche Hinweise:

Ursula K. Le Guin

VERLORENE PARADIESE.

Übersetzt von Horst Illmer

(Paradises Lost / 2002)

Stolberg, Atlantis Verlag, 2014, 150 S.

ISBN 978-3-86402-161-9 / 10,90 Euro (Softcover)

ISBN 978-3-86402-169-5 / 13,90 Euro (Hardcover)

 

 

 

Der lachende Mann

Die Aufgabe, die mir im vergangenen Jahr das größte Vergnügen bereitete, war eindeutig, die Durchführung der Korrekturarbeiten an DER LACHENDE MANN, einem Roman von Victor Hugo.

Der in Paris 1869 unter dem Titel L’homme qui rit erstmals erschienene Text, wurde noch im gleichen Jahr von Georg Büchmann ins Deutsche übertragen, erlebte danach noch einige Neuübersetzungen und 1928 sogar eine Verfilmung als DER MANN, DER LACHT (mit Conrad Veidt in der Hauptrolle), ist inzwischen jedoch völlig aus dem kulturellen Bewusstsein (zumindest hierzulande) verschwunden.

Victor Hugos Roman spielt gegen Ende des 17. Jahrhunderts in England und behandelt kritisch die sozialen Interaktionen zwischen Volk und Adel. Festgemacht ist der Plot am Schicksal zweier Kinder, eines entführten und verunstalteten Jungen und eines blinden Waisenmädchens, die von einem umherziehenden Quacksalber vor dem Erfrieren gerettet und aufgezogen werden. Der Junge, dessen Gesicht durch brutale chirurgische Eingriffe ein ewiges Grinsen trägt, wird später als Spross einer Adelsfamilie erkannt, was zu einer Reihe tragischer Verwicklungen führt …

Herausgegeben von Andreas Fliedner und mit einem sehr emotionalen Vorwort von Tobias O. Meißner versehen erscheint DER LACHENDE MANN jetzt im Berliner Golkonda Verlag in einer vierbändigen Neuausgabe, die wort- und zeichengetreu der deutschen Erstausgabe folgt. Diesen Text nun durfte ich Korrekturlesen – und entdeckte dabei eine derart fesselnde, spannende und mitreißende Geschichte, dass ich während der ersten Lektüre ständig durch ein Wechselbad der Gefühle ging: das reichte vom kalten Schauer über Gänsehaut und unwilligem Stirnrunzeln bis hin zu grimmigem Knurren und lautem Lachen, amüsiertem Schmunzeln und überraschtem nach-Luft-schnappen.

Grund für diese seit langem nicht mehr empfundene Anteilnahme beim Lesen war (neben der ungeheuer guten Geschichte, die Victor Hugo da erzählte) eindeutig die Sprachkraft Büchmanns. So ein Deutsch kann heute überhaupt keiner mehr!

Die Sätze stehen da wie in Stein gemeißelt, brechen mit nahezu biblischer Wucht über den Lesenden herein und verleiten dazu, ganze Passagen zitieren zu wollen. Dieser Effekt verdankt sich wohl vor allem dem Umstand, dass Georg Büchmann nicht nur Lehrer und Philologe war, sondern auch als Verfasser des unverzichtbaren Nachschlagewerkes GEFLÜGELTE WORTE – DER ZITATENSCHATZ DES DEUTSCHEN VOLKES (1864) in die Literaturgeschichte einging.

So und nun natürlich noch ein kleines Beispiel:

„Seine Hauptaufgabe war, das menschliche Geschlecht zu hassen. In diesem Haß war er unversöhnlich. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß das menschliche Leben etwas Schreckliches ist, nachdem er die Uebereinanderschichtungen der Plagen, der Könige über dem Volk, des Kriegs über den Königen, der Pest über dem Kriege, der Hungersnoth über der Pest, der Dummheit über Allem beobachtet hatte, nachdem es für ihn ausgemacht war, daß in der bloßen Thatsache der Existenz ein gewisses Quantum Züchtigung liegt, nachdem er erkannt hatte, daß der Tod eine Erlösung ist, machte er den Kranken gesund, den man zu ihm führte.“ (S. 39/40)

 

Horst Illmer

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Sachdienliche Hinweise:

Victor Hugo

DER LACHENDE MANN.

Übersetzt von Georg Büchmann

(L’homme qui rit / 1869)

Berlin, Golkonda Verlag, 2013, 207 S.

ISBN 978-3-944720-02-9 / 16,90 Euro

 

SUPERMOERS = reif fürs Museum

Wer kennt sie nicht, die populärmythologischen Erfindungen des Ausnahmekünstlers Walter Moers, die seit den frühen 1980er Jahren die Unterhaltungskultur in Deutschland bereichern? Oder, kürzer: Kleines Arschloch, Alter Sack, Käpt’n Blaubär, Hein Blöd, Adolf und Jesus – weder im Kino noch im Fernsehen, weder in den Buchhandlungen oder in den Gemeindebibliotheken kann man ihnen entkommen.

 

Und jetzt auch noch im Museum!

 

Moers in BadMergentheim-Flyer

 

Unter dem anspielungsreichen Titel „Die 7 ½ Leben des Walter Moers: Vom Kleinen Arschloch über Käpt’n Blaubär bis Zamonien“ können sich kundige Fans und unkundige Demnächst-auch-Fans vom 17. März bis 15. September 2013 in Bad Mergentheim eine Ausstellung ansehen, die es in sich hat. (Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:30 bis 17:00 Uhr. Über das umfangreiche Begleitprogramm informiert ein gut gemachter Flyer bzw. die Internetseite der Stadt.)

Gleich an zwei Standorten – im Deutschordensmuseum und im Kulturforum präsentieren die Ausstellungsmacher eine detailverliebte Sammlung von Originalseiten, Manuskripten, Entwürfen, Büchern, Puppen, Skulpturen, Displays, Videoinstallationen, Merchandise-Artikeln – und Bildern, Bildern, Bildern! Nachdem Moers als Comiczeichner und Karikaturist begonnen hat, ist diese optische Opulenz zwar nicht ganz so überraschend, doch wie großartig seine Illustrationen sind, die er in den letzten Jahren für dieZamonien“-Romane gefertigt hat, kommt erst in der vom Buch losgelösten Sicht der einzeln gehängten Tuschezeichnungen voll zur Geltung.

Sehr schön kann man beim Rundgang durch die zwei Standorte die künstlerische Weiterentwicklung erkennen, die der Autodidakt Moers seit den ersten Veröffentlichungen in Satiremagazinen und Studentenzeitungen gemacht hat. Bilder wie zum Beispiel der (bisher noch nirgends gezeigte oder abgedruckte) „Bücherdrache“ lassen den Betrachter in ehrfürchtigem Staunen an die großen Meister der Renaissance denken. (Zur Vertiefung dieser Eindrücke empfiehlt es sich, den schön gemachten, großformatigen Ausstellungskatalog im Museumsshop mitzunehmen.)

Welchen Einfluss Walter Moers inzwischen auf eine ganze Generation nachgewachsener Künstler hat, belegen die geschickt eingestreuten Arbeiten junger deutscher Maler und Bildhauer. Hier ist vor allem das mit ungeheurer Liebe zum Detail gestaltete „Buchhaim“-Modell von Susanne Reichardt zu erwähnen, mit dessen Betrachtung allein man sich einen ganzen Nachmittag beschäftigen könnte.

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Wer also Zeit und Möglichkeit findet, einmal für ein paar Stunden nach Bad Mergentheim zu kommen, der sollte dies unbedingt tun. Schließlich sind solche aufwändig präsentierten Ausstellungen zu populären Gegenwartskünstlern immer noch Mangelware – und den von Walter Moers gezeichneten exklusiven SUPERMOERS-Comic erhält man ausschließlich beim Erwerb einer Eintrittskarte.

Moers in BadMergentheim-Supermoers

 

 

Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

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Der Ausstellungskatalog, herausgegeben von

 Christine Vogt

 Die 7 ½ Leben des Walter Moers.

 Vom Kleinen Arschloch über Käpt’n Blaubär bis Zamonien.

 Bielefeld, Leipzig, Berlin; Kerber Verlag, 2011, 168 S.

 ISBN 978-3-86678-593-9

 

 

 

 

 

Neues aus Absurdistan – 2013-02-23

 

TEMPORAMORES, das Fachblatt für „Neues aus der Zukunft“, bringt am Ende seines stetig, aber regelmäßig unregelmäßig erscheinenden Newsletters seit mehr als zehn Jahren jeweils ein lustiges, interessantes, informatives oder nachdenklich stimmendes Zitat, zumeist aus den Texten von Schriftstellern oder Journalisten, manchmal auch aus Leserbriefen oder Filmen.

Bisher war es für den Kompilator des Newsletters eine Selbstverständlichkeit, nicht nur die Fakten über die vorgestellten Bücher so exakt wie möglich zu recherchieren und wiederzugeben, sondern auch die zitierten Stellen buchstaben- und zeichengetreu abzubilden.

Aber alle „Selbstverständlichkeit“ ist zutiefst erschüttert!

Nachdem uns im Laufe der vergangenen Woche das neueste Werk von Marc-Uwe Kling erreicht hat – ein von ihm „präsentierter“ Abreißkalender mit dem Titel DER FALSCHE KALENDER. 365 FALSCH ZUGEORDNETE ZITATE (Verlag Voland & Quist, ISBN 978-3-86391-018-1, 368 Blätter) – stellt sich die Frage nach dem Zitat, dem Zitieren und der Verlässlichkeit des Universums plötzlich ganz neu.

 

 

Erstaunlicherweise gibt es nämlich ganz offensichtlich ein Copyright auf Zitate (siehe das Impressums-Blatt des vorgenannten Werkes). Unklar bleibt allerdings, ob dies jetzt für jedes Zitat gilt, oder nur für „falsche“, d. h. „erfundene“ Zitate. Und wer hat eigentlich dieses Copyright? Der Zitierte? Der Zitierende? Der „Erfinder“? Der Originalverlag, bei dem der zitierte Originaltext erschienen ist? Der Verlag, der das Zitat abdruckt?

Doch mit solcherlei, für altgediente Juristen vermutlich noch ganz leicht erklärbaren Dingen ist nur die Spitze des Eisbergs beschrieben.

Wie sieht es z. B. damit aus, wenn ich als GermanistIn in fünf Jahren (oder in fünfzig) eine Doktorarbeit über „Das Aufkommen falscher Zitate in der bundesrepublikanischen Komik-Kunst zu Beginn des dritten Jahrtausends“ schreiben will? Sind die richtig zitierten „falschen“ Zitate dann „richtige“ Zitate? Wer prüft dann, bitteschön, ob ich die richtigen falschen Zitate richtig oder falsch zitiere, ob die ursprünglich falschen Zitate wirklich „falsch“ waren (wie peinlich ist das denn, wenn sich dann rausstellt, dass Guido Westerwelle das ihm zugeschriebene „You talkin‘ to me?“ ((17. August)) tatsächlich so und in dem unterstellten Zusammenhang gesagt hat!) – und hat eine solche falsche Zuschreibung eines richtigen Zitates als falsches dann wiederum Auswirkungen auf die oben gestellte Copyrightfrage?

Kann man mir – um die Sache noch etwas weiter zu treiben – Jahre später den Doktortitel wieder aberkennen, wenn sich herausstellt, dass ich die falschen Zitate zwar richtig zitiert habe, sie aber dem falschen Autor falscher Zitate zugeordnet habe? Werden aus solchen doppelt-falschen Zitaten damit dann richtige Zitate?

Ist es bis hierher schon unübersichtlich genug geworden, so schließen sich nun noch eine weitere existenzielle Frage an: Was ist eigentlich „falsch“ an einem „falsch zugeordneten Zitat“? Das Zitat oder der darunter stehende Name?

Bevor unsere Kolumne noch am Problem-Eisberg des richtigen und falschen Zitierens zerschellt wie die Karrieren diverser Politiker schließen wir mit einem der bekanntesten Zitate – entweder der Geistes- oder der Filmgeschichte, das bleibt dem Leser freigestellt –:

„ES GIBT KEIN

RICHTIGES

LEBEN IM

FALSCHEN“

DER TYP AUS ›MATRIX‹

(M.-U. Kling, „Der falsche Kalender“; Samstag / 28. Oktober)

Herrmann Ibendorf

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Neu auf meinem Büchertisch (197)

 

 

Auch wenn der Chefredakteur Klaus Bollhöfener in seinem Editorial noch leicht selbstironisch das Thema Triskaidekaphobie kommentiert – das „verflixte 13. Jahr“ begann dann doch mit einer kleinen Verspätung. Inzwischen ist aber alles gut und das Heft 49 des Magazins phantastisch! neues aus anderen welten liegt auf dem Tisch.

 

 

Der Inhalt ist gewohnt vielfältig und breitgefächert, diesmal an einigen Stellen sogar über das Kernthema hinaus. So berichtet Achim Schnurrer in einem hervorragend recherchierten Aufsatz über eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach zum Thema „Kassiber – Verbotenes Schreiben“, in der es um den ewigen Kampf zwischen Autor und Zensur geht. In einem weiteren umfangreichen Artikel führt Schnurrer den russischen Komponisten Sergej Prokofjev als einen zu Unrecht übersehenen „Klassiker der phantastischen Literatur“ vor.

Als kleine Nachlese zum weihnachtlichen „Hobbit“-Familienfilmereignis gibt es im Heft zwei von Christian Endres betreute Beiträge, die sich mit J. R. R. Tolkiens Erstling beschäftigen: Zum einen berichten im „Dialog“ Schriftsteller, Journalisten und Künstler darüber, wie ihr erster Kontakt mit Bilbo Beutlin, dem kleinwüchsigen Helden aus Mittelerde, aussah. Zum anderen erzählt Tony DiTerlizzi davon, wie der große Maurice Sendak („Wo die wilden Kerle wohnen“) fast einmal den „Hobbit“ illustriert hätte.

In der Comic-Abteilung beschäftigt sich Sonja Stöhr diesmal sehr ausführlich mit Bill Willinghams Kult-Serie FABLES, die in den USA jede Menge Genre-Preise abräumt und auch in Deutschland bereits beim 16. Tradepaberback angekommen ist. Für den schnellen Überblick sorgt zudem ein konzentriert ausgeführter „Serien-Guide“.

In meinen „Plaudereien aus einem Bücherhorst“ wird über die „Gefährlichen Visionen“ berichtet, die Harlan Ellison 1967 und 1972 in zwei einzigartigen Anthologien unter das Leser-Volk brachte. Die besondere Würze erhält der Beitrag durch jede Menge Originalzitate Ellisons (die alle brav in Gänsefüßchen stehen, damit mir der „Dr. S.F.“ nicht aberkannt wird).

 

Die Interview-Gäste sind diesmal Bernd Perplies, Carsten Polzin, Tom & Stephan Orgel und Andrea Sorrentino. Natürlich gibt es auch noch ordentlich Rezensionen und Kurznachrichten, einen Nachruf auf Comic-Legende Joe Kubert, den 7. Teil des phantastisch!-Comics „Ein seltsamer Tag“ u.v.a.m.

Nach diesem mehr als nur gelungenen Heft, steigt die Spannung, was die Redaktion für die Jubelausgabe 50 alles bereit hält. Um das auf gar keinen Fall zu versäumen, sollte man (soweit noch nicht geschehen) unbedingt über ein Abo nachdenken. Es lohnt sich!

 

Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

phantastisch! neues aus anderen welten

Ausgabe 1: 2013 / 13. Jahrgang / Heft No. 49

68 Seiten; 5,30 Euro

Das Magazin erscheint viermal im Jahr im Atlantis Verlag