Neu auf meinem Büchertisch (197)

 

 

Auch wenn der Chefredakteur Klaus Bollhöfener in seinem Editorial noch leicht selbstironisch das Thema Triskaidekaphobie kommentiert – das „verflixte 13. Jahr“ begann dann doch mit einer kleinen Verspätung. Inzwischen ist aber alles gut und das Heft 49 des Magazins phantastisch! neues aus anderen welten liegt auf dem Tisch.

 

 

Der Inhalt ist gewohnt vielfältig und breitgefächert, diesmal an einigen Stellen sogar über das Kernthema hinaus. So berichtet Achim Schnurrer in einem hervorragend recherchierten Aufsatz über eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach zum Thema „Kassiber – Verbotenes Schreiben“, in der es um den ewigen Kampf zwischen Autor und Zensur geht. In einem weiteren umfangreichen Artikel führt Schnurrer den russischen Komponisten Sergej Prokofjev als einen zu Unrecht übersehenen „Klassiker der phantastischen Literatur“ vor.

Als kleine Nachlese zum weihnachtlichen „Hobbit“-Familienfilmereignis gibt es im Heft zwei von Christian Endres betreute Beiträge, die sich mit J. R. R. Tolkiens Erstling beschäftigen: Zum einen berichten im „Dialog“ Schriftsteller, Journalisten und Künstler darüber, wie ihr erster Kontakt mit Bilbo Beutlin, dem kleinwüchsigen Helden aus Mittelerde, aussah. Zum anderen erzählt Tony DiTerlizzi davon, wie der große Maurice Sendak („Wo die wilden Kerle wohnen“) fast einmal den „Hobbit“ illustriert hätte.

In der Comic-Abteilung beschäftigt sich Sonja Stöhr diesmal sehr ausführlich mit Bill Willinghams Kult-Serie FABLES, die in den USA jede Menge Genre-Preise abräumt und auch in Deutschland bereits beim 16. Tradepaberback angekommen ist. Für den schnellen Überblick sorgt zudem ein konzentriert ausgeführter „Serien-Guide“.

In meinen „Plaudereien aus einem Bücherhorst“ wird über die „Gefährlichen Visionen“ berichtet, die Harlan Ellison 1967 und 1972 in zwei einzigartigen Anthologien unter das Leser-Volk brachte. Die besondere Würze erhält der Beitrag durch jede Menge Originalzitate Ellisons (die alle brav in Gänsefüßchen stehen, damit mir der „Dr. S.F.“ nicht aberkannt wird).

 

Die Interview-Gäste sind diesmal Bernd Perplies, Carsten Polzin, Tom & Stephan Orgel und Andrea Sorrentino. Natürlich gibt es auch noch ordentlich Rezensionen und Kurznachrichten, einen Nachruf auf Comic-Legende Joe Kubert, den 7. Teil des phantastisch!-Comics „Ein seltsamer Tag“ u.v.a.m.

Nach diesem mehr als nur gelungenen Heft, steigt die Spannung, was die Redaktion für die Jubelausgabe 50 alles bereit hält. Um das auf gar keinen Fall zu versäumen, sollte man (soweit noch nicht geschehen) unbedingt über ein Abo nachdenken. Es lohnt sich!

 

Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

Für Datenhungrige:

phantastisch! neues aus anderen welten

Ausgabe 1: 2013 / 13. Jahrgang / Heft No. 49

68 Seiten; 5,30 Euro

Das Magazin erscheint viermal im Jahr im Atlantis Verlag

Zukunft statt Weltuntergang

 

Nachdem die Welt jetzt doch nicht untergegangen ist (obwohl man das eigentlich erst morgen als sicher vermelden kann), gehen wir halt mal ins Museum und schauen uns an wie die Zukunft wird. Vom 23. November 2012 bis zum 10. März 2013 findet diese nämlich im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland statt.

Unter dem Titel SCIENCE FICTION IN DEUTSCHLAND präsentiert man in der ehemaligen Hauptstadt eine aufwändig bestückte Wechselausstellung, die eine Gesamtschau des Genres unter besonderer Berücksichtigung des deutschsprachigen Beitrags zur Zukunftsgeschichtsschreibung versucht.

Begrüßt wird der Besucher von einer lebensgroßen „Alien“-Figur, die den Weg weist zum Rundgang durch ein halbes Dutzend Räume, die vom Boden bis zur Decke mit „Science Fiction“ bestückt sind. Das reicht von raren Buchausgaben der frühen Klassiker Jules Verne und Kurd Laßwitz über Filmausschnitte aus Fritz Langs Meisterwerken METROPOLIS und FRAU IM MOND bis hin zu den (inzwischen nicht mehr ganz so) aktuellen Weltuntergangsphantasien eines Roland Emmerich („2012“).

 

Beeindruckend ist die thematische Breite, die sich die Ausstellungsmacher gönnen:

 

Da gibt es eine Ecke für den Stanislaw-Lem-Klub Dresden, einen echten Stein vom Mond (eine Leihgabe der NASA), eine VW-Werbung mit deutlichen Anleihen beim ersten STAR WARS-Film, eine ganze Reihe von interaktiven Spiele-Konsolen, auf denen man sich Film- und Zeitungsausschnitte mit der „Laserpistole“ heran zoomen kann und jede Menge Spielzeug und Haushaltsgeräte mit Science-Fiction-Bezug. Viel Raum gibt es auch für Fanzines und die liebevollen und mit oftmals unglaublichem Aufwand hergestellten Raumschiff-Modelle und Bilder von Science-Fiction-Fans.

Natürlich sind auch die Hauptattraktionen dabei, die jedem einfallen, der etwas zum Thema Zukunft sagen soll: Die PERRY RHODAN-Heftchen und die Fernsehserie RAUMPATROUILLE; die Plakate und Requisiten aus dem STAR TREK-Kosmos fehlen ebenso wenig wie der röchelnde Maschinen-Atem von Darth Vaders schwarzglänzender Ganzkörperprothese und die UFO-Szenen aus den hysterischen Katastrophenfilmen des Kalten Krieges.

 

 Zur Ergänzung der Schau gibt es leider keinen Katalog und auch kaum Begleitmaterial, einmal abgesehen von den zwanzig Seiten mit Artikeln und Interviews, die das museumsmagazin (Ausgabe 4/2012) enthält.

Dafür stimmt aber das Preis-Leistungs-Verhältnis:

Der Eintritt ist frei und das Magazin gibt es im Museums-Shop für 2,00 Euro.

 

 

 

 

 

 

Wenn das so weiter geht, wird die gute alte Science Fiction eines Tages doch noch „respektabel“.

 

Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

Für Datenhungrige:

SCIENCE FICTION IN DEUTSCHLAND – Ausstellung

23. November 2012 bis 10. März 2013

Di–Fr  9–19 Uhr  /  Sa/So/Feiertage  10–18 Uhr / Montag geschlossen

Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Museumsmeile – Willy-Brandt-Allee 14 / 53113 Bonn

 

 

Neues auf meinem Plattenteller – GRRR!-eatest Rolling Stones Hits

So, jetzt also auch noch die Rolling Stones!

 

 

50 Jahre-Feiern stehen im Moment auf der Beliebtheitsskala der Öffentlichkeit und der Medien ja ganz oben: Egal ob Bundesliga, OPEL-Werk Bochum, The Beatles, Bob Dylan, Mauerbau oder John F. Kennedy-Attentat – alles historische Ereignisse, die für viele Menschen von großer bis größter Bedeutung waren (und teilweise immer noch sind). Die wenigsten dieser Ereignisse bleiben allerdings über den eigentlichen „Jahrestag“ hinaus im „Öffentlichen Bewusstsein“.

Da hilft es dann natürlich, wenn eine Band – in diesem Fall die „größte Rock’n’Roll-Band der Welt“ (unbescheidene Eigenwerbung) – ihr fünfzigjähriges Bestehen mit einer neuen Platte feiert. The Rolling Stones – wie The Beatles offiziell mit „The“ – lassen sich solch eine Gelegenheit natürlich nicht entgehen, nicht umsonst studierte Mick Jagger einst an der London School of Economics, bevor ihn das Schicksal erneut mit seinem früheren Klassenkameraden Keith Richards zusammenführte. Im Juli 1962 startete das vermutlich erfolgreichste Band-Projekt der Rock-Geschichte: The Rolling Stones hatten ihren ersten Auftritt im Londoner Marquee Club. Als Teil der „British Invasion“ eroberten sie zusammen mit den Beatles die weltweiten Musik-Charts – und im Gegensatz zu ihren alten Rivalen schafften es die Glimmer Twins (plus dem unvergleichlichen Drummer Charlie Watts) bis heute ihren „Laden“ am Laufen zu halten.

 

 

Mit GRRR! erschien im November 2012 das passende Album zur Feier ihres epochalen Erfolges. Fünfzig Songs aus fünfzig Jahren – zwei davon extra für dieses Album geschrieben und eingespielt. Was soll/kann man über ein solches grrrreatest Hits-Album sagen? Beginnend mit „Come On“ von 1962 bis zu den neuen Songs „Doom and Gloom“ und „One More Shot“ reiht sich ein Meisterwerk an den nächsten Meilenstein: Lieder, die sich ins Menschheitsbewusstsein eingeschrieben haben, Riffs, die seit ihrer Entstehung jeden Musiker, der eine elektrische Gitarre in die Hand genommen hat, beeinflussten, Melodien, die aus der Folklore selbst der entlegensten Regionen nicht mehr wegzudenken sind. Mick Jagger, Keith Richard, Charlie Watts und (seit 1975!) Ronnie Wood sind The Rolling Stones – und damit eine der wenigen Konstanten, die uns in unseren so unsicheren und bewegten Zeiten bleiben.

Thanks! And Good Luck!

 

Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

 

Für Datenhungrige:

The Rolling Stones

GRRR!

Polydor/Universal Music, 2012, 3 CDs DeLuxe Ausgabe

Erhältlich auch in diversen anderen Varianten

(Vinyl, DVD, Blue-Ray, Doppel-CD usw.)

 

 

Marlen Haushofer – Die Wand

Die Geschichte vom „letzten Menschen auf der Welt“ existiert vermutlich seitdem überhaupt Geschichten erzählt werden. Vor allem in den Jahren nach 1945, ausgelöst durch die Atombombenabwürfe über Japan, bildete sich fast ein eigenständiges Genre solcher Erzählungen heraus. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Gattung gehören ICH, DER LETZTE MENSCH (1954, Originaltitel: I AM LEGEND, mehrfach verfilmt) von Richard Matheson, SCHWARZE SPIEGEL (1951) von Arno Schmidt und DIE WAND (1963) von Marlen Haushofer.

 

 

Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920 – 1970) war es auch, welche diesem literarischen Motiv ein weibliches Gesicht verlieh. Bis zum Erscheinen ihres Romans waren es nämlich vor allem (wenn nicht gar ausschließlich) Männer gewesen, die sich als die letzten ihrer Art sahen.

Die Berichterstatterin in DIE WAND ist eine namenlos bleibende Frau mittleren Alters, die eines Morgens aufwacht und sich nicht nur von dem befreundeten Ehepaar bei dem sie übernachtet hat alleingelassen findet, sondern bei näherer Erkundung der Umgebung auch erkennen muss, dass sie unter einer unsichtbaren, nichtsdestotrotz undurchdringlichen Kuppel gefangen ist. Während innerhalb dieser „Glasmauer“ alles „normal“ erscheint, gibt es „draußen“ offenbar keinerlei Leben mehr.

Über mehrere Jahre hinweg fristet sie ein entbehrungsreiches, arbeitsintensives Robinson-Leben, als „Gefährten“ besitzt sie lediglich einen Hund, eine Katze, eine Kuh und einen Stier. Ab und an zeigen sich einige Vögel, doch von der Welt jenseits der Wand erfährt sie nichts – und will sie auch nichts wissen. Als gegen Ende ihres Berichts plötzlich und unerwartet ein Mann auftaucht, kippt innerhalb kürzester Zeit das Geschehen gleich mehrfach: der Mann ist ein totbringender Eindringling (für Stier und Hund), der wiederum getötet werden muss, um das Überleben der Frau zu sichern. Danach ist die Trauer um den Hund größer als die um eine (theoretisch) verpasste Chance auf einen Mitmenschen. Auch das letzte Quentchen Mitgefühl ist erstorben: „Es wurde eine helle Sternennacht, und der Wind fiel kalt von den Felsen herab. Aber ich war kälter als der Wind und fror nicht.“

Es sind dies Sätze einer Prosa, die an der Oberfläche ruhig und unaufgeregt daherkommt, die Stimmungen und Gefühle in einer Art beschreibt, die eine unendliche Distanz schafft und gleichzeitig den emotionalen, fast autobiographischen Bezug der Autorin zu ihrer Figur (in anderen Werken auch zu ihren Figuren) offenlegt. Marlen Haushofer hat sich mit DIE WAND ihre verwundete Seele aus der Brust gerissen und sie ihren Lesern dargebracht – die dieses Opfer natürlich erst Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod annahmen.

 Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

 

Für Datenhungrige:

Deutsche Erstausgabe:

Marlen Haushofer

DIE WAND. Roman.

Gütersloh, Mohn, 1963, 265 S.

 

Taschenbuchausgabe:

 

    München, List, 2012,  288 S.

    ISBN 978-3-548-61066-5

 

 

 

 

 

 

 

Verfilmung:

DIE WAND

2012 von Julian Roman Polsler mit Martina Gedeck in der Hauptrolle

 

John Brunner – Schafe blicken auf

SCHAFE BLICKEN AUF (THE SHEEP LOOK UP), John Brunners Roman des Untergangs der menschlichen Zivilisation (oder gar der ganzen Welt?) gehört zu den großen Meisterwerken der modernen Science Fiction.

 

Die Schafe blicken auf, sind hungrig, nicht gefüttert,

Allein vom Wind gebläht, widerlichem Dunst, darin sie stöbern,

Im Leibe Moder, und ringsum Fäulnis schwillt

MILTON, Lycidas

 

 

Wie bei einem Kaleidoskop oder Puzzle setzt Brunner aus einer Vielzahl an Handlungssträngen, Ein­zelschicksalen, Episoden und Nachrichtenfetzen eine erschreckend anschauliche Vision unserer Zukunft zusammen. Furchtbare Umweltverschmutzung und Naturzerstörung lassen ganze Landstriche absterben und unbewohnbar werden; das Mekong-Delta wird zur Wüste, das Mittelmeer ist nur noch eine tote Brühe, ebenso die Großen Seen in Amerika. Davon sind auch die Lebensgewohnheiten der Menschen massiv betroffen: Wegen der hohen Luftverschmutzung können Großstadtbewohner nicht mehr ohne Filtermasken aus dem Haus, das Leitungswasser zum Trinken oder auch nur zum Waschen zu benutzen, birgt ein unkalkulierbares Risiko, die meisten Kinder unter zehn Jahren sind krank, immer mehr Bakterien und Viren sind ebenso resistent gegen die bekannten Medikamente wie die Insekten gegen erlaubte und verbotene Insektizide. Wie Mensch und Umwelt auf solche Prämissen reagieren, wird in Brunners Buch anschaulich geschildert.

Über das Inhaltliche hinaus ist SCHAFE BLICKEN AUF auch ein literarisch überzeugendes Werk. Die Handlung ist wie ein heruntergefallener Spiegel in unzählige Teile zersplittert, die Anzahl der Personen übersteigt jedes nachvollziehbare Maß. Die vielen nebeneinander herlaufenden Handlungsstränge fügen sich erst am Ende annähernd wieder zusammen – die zusammengelegten Scherben zeigen dann das ganze Bild, wenngleich verzerrt und mit Sprunglinien. Brunner bildet hier stilistisch ab, wie die Welt wirklich funktioniert: Es gibt keine rettenden Helden, keine Alleinschuldigen – wir alle sind die Täter, wir alle sind die Opfer.

Besonders erschreckend ist es, wie nah an der Realität dieses Buch mittlerweile ist. Die 1972 schon erkennbaren Tendenzen, die Brunner in eine nahe Zukunft extrapolierte, er­reichen heute ihren „Ereignishorizont“. Von allen möglichen „Weltuntergängen“ ist der hier beschriebene wohl derjenige, dessen Eintritt am wahrscheinlichsten ist – und den wir am Leichtesten hätten verhindern können.

Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

 

Für Datenhungrige:

Deutsche Erstausgabe:

John Brunner

SCHAFE BLICKEN AUF. Roman.

(The Sheep Look Up / 1972)

Ü: Horst Pukallus.

München, Heyne, 1978, 416 S.

 

Nachauflage:

 

 

 

 

 

 

   Mit einem Vorwort des Herausgebers Wolfgang Jeschke

   München, Heyne, 1997, 527 S.

   Hardcover in der Reihe HIGH 8000

 

 

 

Edward Morgan Forster – Die Maschine versagt

Welcher Titel wäre wohl besser geeignet, den Apokalypse-Reigen fortzuführen, dessen zeitweilige Unterbrechung durch widrige Umstände im Innenleben unserer IT-Maschinen verursacht wurde, als Edward Morgan Forsters Novelle DIE MASCHINE VERSAGT?

 

 

Lassen Sie uns also einen Blick auf eine in Deutschland fast völlig unbekannte, dennoch sehr bedeutende und immer noch aktuelle Zukunftsvisionen werfen, die auch schon über einhundert Jahre auf dem Buckel hat.

Nicht erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber dann umso stärker, begannen sich (mehr als nur) leise Zweifel zu regen, an der unbeirrbaren, optimistischen Fortschrittsgläubigkeit, mit der die große Masse in die Zukunft blickte. Auf dem literarischen Feld war H. G. Wells nach seinen großen Erfolgen zwischen 1895 und 1910 (unter anderem erschienen in dieser Zeit DIE ZEITMASCHINE, AUSBLICKE und KRIEG DER WELTEN) zumindest in England einer der führenden Meinungsmacher.

Dem setzte sich mit Edward Morgan Forster (1879 – 1970) ein noch relativ junger, aufstrebender Autor entgegen, der mit seiner 1909 erstmals veröffentlichten Erzählung THE MACHINE STOPS eine der auch heute noch eindringlichsten Warnutopien der Weltliteratur schrieb. Gedacht war die Geschichte als direkte Antwort auf den rationalen Weltstaat, den Wells 1905 in A MODERN UTOPIA (1905, dt. als JENSEITS DES SIRIUS) so positiv beschrieben hatte.

In der von Forster beschriebenen Zivilisation (die einem unterirdischen Bienenstock gleicht) leben die Menschen einer künftigen Zeit rundum vollversorgt in ihren Wabenzellen. In ihren Kabinen bekommen sie auf Knopfdruck alle lebensnotwendigen Güter und zudem alle vorstellbaren Annehmlichkeiten. Nur noch in absoluten Ausnahmefällen verlassen sie diese Zimmer und persönliche Kontakt zu anderen Menschen werden als störend und unerwünscht angesehen. Über allem wacht eine anonyme „Maschine“, auf die sich alle blind verlassen. Mit zunehmender Dekadenz schleichen sich jedoch Fehler ein. Da Fortschritt nur als Selbstzweck der Maschine erlaubt ist, verliert sich das Wissen der Erbauer, und das ganze System beginnt zu versagen. Als diese Zivilisation schließlich kollabiert – als „die Maschine stoppt“ –, geht die unterirdische Zivilisation widerstandslos unter. Der einzigen Hoffnungsschimmer, den Forster seinen Lesern lässt, kommt von einer an der Oberfläche im Verborgenen existierenden Gruppe von technikfeindlichen „Zivilisationsflüchtlingen“, die vielleicht in der Lage sind, die Fackel weiterzutragen.

E. M. Forsters beklemmende Vision von nur noch Knöpfe drückenden, aber nicht mehr um die Zusammenhänge wissenden Technik-Nutzern, auf die wir uns immer schneller hin entwickeln, bekommt von Tag zu Tag eine größere Aktualität. Der eindrucksvolle Text wurde als Hörspiel und Theaterstück adaptiert und mehrfach verfilmt, u. a. 1966 für das englische Fernsehen.

Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

Für Datenhungrige:

Deutsche Erstausgabe:

 

Edward Morgan Forster

DIE MASCHINE VERSAGT.

(The Machine Stops / 1909)

Ü: Hermen von Kleeborn.

Wien, Amandus-Edition, 1947, 47 S.

 

 

Die Geschichte ist enthalten in dem Sammelband:

 

Edward Morgan Forster

AUGENBLICK DER EWIGKEIT.

Erzählungen.

München, Nymphenburger, 1989, 263 S.