Neu auf meinem Büchertisch (197)

 

 

Auch wenn der Chefredakteur Klaus Bollhöfener in seinem Editorial noch leicht selbstironisch das Thema Triskaidekaphobie kommentiert – das „verflixte 13. Jahr“ begann dann doch mit einer kleinen Verspätung. Inzwischen ist aber alles gut und das Heft 49 des Magazins phantastisch! neues aus anderen welten liegt auf dem Tisch.

 

 

Der Inhalt ist gewohnt vielfältig und breitgefächert, diesmal an einigen Stellen sogar über das Kernthema hinaus. So berichtet Achim Schnurrer in einem hervorragend recherchierten Aufsatz über eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach zum Thema „Kassiber – Verbotenes Schreiben“, in der es um den ewigen Kampf zwischen Autor und Zensur geht. In einem weiteren umfangreichen Artikel führt Schnurrer den russischen Komponisten Sergej Prokofjev als einen zu Unrecht übersehenen „Klassiker der phantastischen Literatur“ vor.

Als kleine Nachlese zum weihnachtlichen „Hobbit“-Familienfilmereignis gibt es im Heft zwei von Christian Endres betreute Beiträge, die sich mit J. R. R. Tolkiens Erstling beschäftigen: Zum einen berichten im „Dialog“ Schriftsteller, Journalisten und Künstler darüber, wie ihr erster Kontakt mit Bilbo Beutlin, dem kleinwüchsigen Helden aus Mittelerde, aussah. Zum anderen erzählt Tony DiTerlizzi davon, wie der große Maurice Sendak („Wo die wilden Kerle wohnen“) fast einmal den „Hobbit“ illustriert hätte.

In der Comic-Abteilung beschäftigt sich Sonja Stöhr diesmal sehr ausführlich mit Bill Willinghams Kult-Serie FABLES, die in den USA jede Menge Genre-Preise abräumt und auch in Deutschland bereits beim 16. Tradepaberback angekommen ist. Für den schnellen Überblick sorgt zudem ein konzentriert ausgeführter „Serien-Guide“.

In meinen „Plaudereien aus einem Bücherhorst“ wird über die „Gefährlichen Visionen“ berichtet, die Harlan Ellison 1967 und 1972 in zwei einzigartigen Anthologien unter das Leser-Volk brachte. Die besondere Würze erhält der Beitrag durch jede Menge Originalzitate Ellisons (die alle brav in Gänsefüßchen stehen, damit mir der „Dr. S.F.“ nicht aberkannt wird).

 

Die Interview-Gäste sind diesmal Bernd Perplies, Carsten Polzin, Tom & Stephan Orgel und Andrea Sorrentino. Natürlich gibt es auch noch ordentlich Rezensionen und Kurznachrichten, einen Nachruf auf Comic-Legende Joe Kubert, den 7. Teil des phantastisch!-Comics „Ein seltsamer Tag“ u.v.a.m.

Nach diesem mehr als nur gelungenen Heft, steigt die Spannung, was die Redaktion für die Jubelausgabe 50 alles bereit hält. Um das auf gar keinen Fall zu versäumen, sollte man (soweit noch nicht geschehen) unbedingt über ein Abo nachdenken. Es lohnt sich!

 

Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

phantastisch! neues aus anderen welten

Ausgabe 1: 2013 / 13. Jahrgang / Heft No. 49

68 Seiten; 5,30 Euro

Das Magazin erscheint viermal im Jahr im Atlantis Verlag

Leseempfehlung: Theorie der Unbildung

von Konrad Paul Liessmann

zwar schon 2006 erschienen, ich habe es aber erst jetzt gelesen. Eine scharfe Analyse unserer Bildungslandschaft von dem bekannten Wiener Philosophen.

Meine eigenen Gedanken stets bekräftigend, aber mit schöneren Worten. Viele Schläge für PISA, Bologna und Credit Points.

Ein Lese Muss für Bildungsarbeiter und alarmierend für alle Anderen.

 

Hier zur Bekräftigung meines Lobes ein paar meiner Lieblingszitate aus dem Buch:

  weil Wissen von jedermann erworben und in den Wettbewerb geworfen werden kann, fallen endlich alle Klassenschranken, jeder ist im Besitz des wichtigsten Produktionsmittel dieser Gesellschaft: Wissen. Wer nun ans Ende der sozialen Stufenleiter gerät, kann sich nicht mehr auf Eigentumsverhältnisse, Gewalt oder Ausbeutung ausreden: er hat nur schlicht zu wenig oder zu langsam oder das Falsche gelernt.

Wer behauptet, er wisse alles, was man wissen muss, wird nicht lange warten müssen, um nachgewiesen zu bekommen, dass er vieles, was man wissen müsste, nicht weiß.

Die Aneignung von Wissen kann nicht spielerisch erfolgen, weil es ohne die Mühe des Denken schlicht und einfach nicht geht. Aus diesem Grund kann Wissen auch nicht gemanaged werden.

Der Wissensarbeiter entpuppt sich als Phänotyp eines Wandels der nicht dem Prinzip des Wissens, sondern dem der industriellen Arbeit gehorcht. Es ist nicht der Arbeiter der zum Wissenden, sondern der Wissende, der zum Arbeiter wird. Wäre es anders, würde man Unternehmen in Universitäten und nicht Universitäten in Unternehmen verwandeln.

und hier ein echter Tiefschlag:

Dass sich die einstigen Zentren des Wissens, die Universitäten, zunehmend an Unternehmensberatungen wenden, um ihre Reformprozesse begleiten und strukturieren zu lassen, zeugt nicht nur von einer erbärmlichen Anpassung an die alles beherrschende Sprache des Coaching, Controlling und Mentoring, sondern auch von einer Blindheit gegenüber einer Ideologie, deren kritische Demontage einstens zu den Aufgaben gesellschaftswissenschaftlichen Wissens gehört hätte. Wer zusieht, wie Universitätsfunktionäre jede noch so dumme ökonomistischen Phrase aus dem Repertoire der Heilslehren des New Management beflissen adorieren, muss sich über die einstige Willfährigkeit der Intelligenz gegenüber anderen ideologischen und totalitären Versuchungen nicht mehr wundern.

John Brunner – Schafe blicken auf

SCHAFE BLICKEN AUF (THE SHEEP LOOK UP), John Brunners Roman des Untergangs der menschlichen Zivilisation (oder gar der ganzen Welt?) gehört zu den großen Meisterwerken der modernen Science Fiction.

 

Die Schafe blicken auf, sind hungrig, nicht gefüttert,

Allein vom Wind gebläht, widerlichem Dunst, darin sie stöbern,

Im Leibe Moder, und ringsum Fäulnis schwillt

MILTON, Lycidas

 

 

Wie bei einem Kaleidoskop oder Puzzle setzt Brunner aus einer Vielzahl an Handlungssträngen, Ein­zelschicksalen, Episoden und Nachrichtenfetzen eine erschreckend anschauliche Vision unserer Zukunft zusammen. Furchtbare Umweltverschmutzung und Naturzerstörung lassen ganze Landstriche absterben und unbewohnbar werden; das Mekong-Delta wird zur Wüste, das Mittelmeer ist nur noch eine tote Brühe, ebenso die Großen Seen in Amerika. Davon sind auch die Lebensgewohnheiten der Menschen massiv betroffen: Wegen der hohen Luftverschmutzung können Großstadtbewohner nicht mehr ohne Filtermasken aus dem Haus, das Leitungswasser zum Trinken oder auch nur zum Waschen zu benutzen, birgt ein unkalkulierbares Risiko, die meisten Kinder unter zehn Jahren sind krank, immer mehr Bakterien und Viren sind ebenso resistent gegen die bekannten Medikamente wie die Insekten gegen erlaubte und verbotene Insektizide. Wie Mensch und Umwelt auf solche Prämissen reagieren, wird in Brunners Buch anschaulich geschildert.

Über das Inhaltliche hinaus ist SCHAFE BLICKEN AUF auch ein literarisch überzeugendes Werk. Die Handlung ist wie ein heruntergefallener Spiegel in unzählige Teile zersplittert, die Anzahl der Personen übersteigt jedes nachvollziehbare Maß. Die vielen nebeneinander herlaufenden Handlungsstränge fügen sich erst am Ende annähernd wieder zusammen – die zusammengelegten Scherben zeigen dann das ganze Bild, wenngleich verzerrt und mit Sprunglinien. Brunner bildet hier stilistisch ab, wie die Welt wirklich funktioniert: Es gibt keine rettenden Helden, keine Alleinschuldigen – wir alle sind die Täter, wir alle sind die Opfer.

Besonders erschreckend ist es, wie nah an der Realität dieses Buch mittlerweile ist. Die 1972 schon erkennbaren Tendenzen, die Brunner in eine nahe Zukunft extrapolierte, er­reichen heute ihren „Ereignishorizont“. Von allen möglichen „Weltuntergängen“ ist der hier beschriebene wohl derjenige, dessen Eintritt am wahrscheinlichsten ist – und den wir am Leichtesten hätten verhindern können.

Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

Deutsche Erstausgabe:

John Brunner

SCHAFE BLICKEN AUF. Roman.

(The Sheep Look Up / 1972)

Ü: Horst Pukallus.

München, Heyne, 1978, 416 S.

 

Nachauflage:

 

 

 

 

 

 

   Mit einem Vorwort des Herausgebers Wolfgang Jeschke

   München, Heyne, 1997, 527 S.

   Hardcover in der Reihe HIGH 8000

 

 

 

Edward Morgan Forster – Die Maschine versagt

Welcher Titel wäre wohl besser geeignet, den Apokalypse-Reigen fortzuführen, dessen zeitweilige Unterbrechung durch widrige Umstände im Innenleben unserer IT-Maschinen verursacht wurde, als Edward Morgan Forsters Novelle DIE MASCHINE VERSAGT?

 

 

Lassen Sie uns also einen Blick auf eine in Deutschland fast völlig unbekannte, dennoch sehr bedeutende und immer noch aktuelle Zukunftsvisionen werfen, die auch schon über einhundert Jahre auf dem Buckel hat.

Nicht erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber dann umso stärker, begannen sich (mehr als nur) leise Zweifel zu regen, an der unbeirrbaren, optimistischen Fortschrittsgläubigkeit, mit der die große Masse in die Zukunft blickte. Auf dem literarischen Feld war H. G. Wells nach seinen großen Erfolgen zwischen 1895 und 1910 (unter anderem erschienen in dieser Zeit DIE ZEITMASCHINE, AUSBLICKE und KRIEG DER WELTEN) zumindest in England einer der führenden Meinungsmacher.

Dem setzte sich mit Edward Morgan Forster (1879 – 1970) ein noch relativ junger, aufstrebender Autor entgegen, der mit seiner 1909 erstmals veröffentlichten Erzählung THE MACHINE STOPS eine der auch heute noch eindringlichsten Warnutopien der Weltliteratur schrieb. Gedacht war die Geschichte als direkte Antwort auf den rationalen Weltstaat, den Wells 1905 in A MODERN UTOPIA (1905, dt. als JENSEITS DES SIRIUS) so positiv beschrieben hatte.

In der von Forster beschriebenen Zivilisation (die einem unterirdischen Bienenstock gleicht) leben die Menschen einer künftigen Zeit rundum vollversorgt in ihren Wabenzellen. In ihren Kabinen bekommen sie auf Knopfdruck alle lebensnotwendigen Güter und zudem alle vorstellbaren Annehmlichkeiten. Nur noch in absoluten Ausnahmefällen verlassen sie diese Zimmer und persönliche Kontakt zu anderen Menschen werden als störend und unerwünscht angesehen. Über allem wacht eine anonyme „Maschine“, auf die sich alle blind verlassen. Mit zunehmender Dekadenz schleichen sich jedoch Fehler ein. Da Fortschritt nur als Selbstzweck der Maschine erlaubt ist, verliert sich das Wissen der Erbauer, und das ganze System beginnt zu versagen. Als diese Zivilisation schließlich kollabiert – als „die Maschine stoppt“ –, geht die unterirdische Zivilisation widerstandslos unter. Der einzigen Hoffnungsschimmer, den Forster seinen Lesern lässt, kommt von einer an der Oberfläche im Verborgenen existierenden Gruppe von technikfeindlichen „Zivilisationsflüchtlingen“, die vielleicht in der Lage sind, die Fackel weiterzutragen.

E. M. Forsters beklemmende Vision von nur noch Knöpfe drückenden, aber nicht mehr um die Zusammenhänge wissenden Technik-Nutzern, auf die wir uns immer schneller hin entwickeln, bekommt von Tag zu Tag eine größere Aktualität. Der eindrucksvolle Text wurde als Hörspiel und Theaterstück adaptiert und mehrfach verfilmt, u. a. 1966 für das englische Fernsehen.

Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

Deutsche Erstausgabe:

 

Edward Morgan Forster

DIE MASCHINE VERSAGT.

(The Machine Stops / 1909)

Ü: Hermen von Kleeborn.

Wien, Amandus-Edition, 1947, 47 S.

 

 

Die Geschichte ist enthalten in dem Sammelband:

 

Edward Morgan Forster

AUGENBLICK DER EWIGKEIT.

Erzählungen.

München, Nymphenburger, 1989, 263 S.

 

John Wyndham – Die Triffids

Der Frühling drängt sich mit gewohnter Macht und Pracht in unser Bewusstsein – eigentlich ein Grund, die gute alte Winterdepression zu den Akten zu legen und die Ärmel hochzukrempeln: Äcker, Gärten und Balkone rufen nach Bepflanzung!

Was aus Veilchen, Tulpen, Gurken, Hanf und Raps werden kann, wenn wir mal nicht aufpassen, oder – viel schlimmer – versuchen, ihrer natürlichen poetischen Bestimmung unsere prosaischen Geschäftsinteressen überzustülpen, zeigt der englische Autor John Wyndham in seinem stets aktuellen und bereits mehrfach verfilmten Klassiker DIE TRIFFIDS.

Ohne jede Vorwarnung, tatsächlich über Nacht, brechen plötzlich zwei verheerende Katastrophen über die Menschheit herein: akute Blindheit und eine mutierte Pflanzenart, die „Triffids“, bringen Verzweiflung, Tod und Verderben in die Städte und Dörfer. Nur einige Wenige, wie der Ich-Erzähler Bill Masen, haben das Glück, ihr Augenlicht zu behalten, und dazu das Wissen um die Hintergründe, die zur Entstehung der gefährlichen, wandernden Triffid-Pflanzen führten.

Schon nach wenigen Tagen beginnt die Fassade der Zivilisation zu zerbröckeln, und der blanke Egoismus bricht sich Bahn. Nicht viele Menschen sind dazu bereit, weiterhin für die Errungenschaften der Gesellschaft und ihre Kultur zu kämpfen. Viele Jahre später sind inmitten einer verwüsteten Kulturlandschaft nur noch einige spärliche Oasen der Menschen übrig geblieben, die sich verzweifelt gegen ihre pflanzlichen Feinde zur Wehr setzen. Trotz einiger Erfolge der Menschen bei ihrer Bekämpfung scheinen die Triffids die Oberhand zu gewinnen. Der Ausgang dieses Kampfes ist und bleibt unsicher.

In bester englischer Tradition schreibend, gelingt es John Wyndham (1903 – 1969), seinem 1951 erstmals erschienenen Roman DIE TRIFFIDS sowohl eine spannende Handlung als auch eine überzeugende Botschaft mitzugeben. Das Buch ist eine deutliche, wohl auf ewige Zeiten aktuelle War­nung vor dem Missbrauch der Wissenschaft. Die über die Menschen hereinbrechenden Katastrophen kommen nicht willkürlich von „außen“, es ist nicht einfach „die Natur“, die zurückschlägt, sondern sie sind „hausgemacht“.

Eine kraftvoll-stilistische Leichtigkeit und eine zugleich klare und konzentrierte Sprache sorgen dafür, dass dieses Buch von seiner Lesbarkeit bis heute nichts eingebüßt hat.

 Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

John Wyndham

DIE TRIFFIDS. Utopischer Roman.

(The Day of the Triffids / 1951)

Übersetzung: Hubert Greifeneder

München, Süddeutscher Verlag, 1955, 314 S.

Aktuelle, überarbeitete Ausgabe:

DIE TRIFFIDS. Roman.

Mit einem Vorwort von M. John Harrison

Aus dem Englischen von Hubert Greifeneder und Inge Seelig

München, Heyne, 2012, 300 S.

ISBN 978-3-453-52875-8 / 8,99 Euro

Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik

Schiffe – mit die frühesten von Menschen hergestellten Maschinen und seither Zeugen sowohl der ersten wie der größten Katastrophen der menschlichen Geschichte:

 

Von der Sintflut, die außer der Besatzung von Noahs ARCHE keine Überlebenden hinterließ,

 

bis zum Untergang der TITANIC am 15. April 1912 und der aktuellen Fast-Katastrophe der COSTA CONCORDIA vom 13. Januar 2012 begleiten sie – real und literarisch – die menschliche Gesellschaft auf ihrem Weg über das eigentlich Unzugängliche. Flüsse, Seen, Meere, der Äther und der Weltenraum – immer sind Schiffe unsere treuen Begleiter.

 

Auch in der phantastischen
Diesen Gedanken hat auch der deutsche Schriftsteller Arno Schmidt mehrfach aufgegriffen. Schmidt, geboren 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, diente als Soldat widerwillig im Zweiten, bevor er sich 1949 daran macht, mit seinen Werken die deutsche Gegenwartsliteratur zu „erobern“ – was sich als langwieriges und von vielen Rückschlägen begleitetes Unterfangen erwies. Wie kein zweiter deutscher Hochliterat der Nachkriegsgeneration gestattete er es der Phantastik, in sein Werk einzufließen. Gestützt von seinem unverbrüchlichen Glauben, lediglich in einer neuen „Zwischenkriegszeit“ zu leben und zu schrieben, sah er es als eine seiner Aufgaben an, seine Mitmenschen vor der unausweichlichen, alles zerstörenden Katastrophe eines Dritten Weltkriegs zu warnen. Zu diesem Zweck verfasste er vier post-apokalyptische Texte (SCHWARZE SPIEGEL, DIE GELEHRTENREPUBLIK, KAFF AUCH MARE CRISIUM und DIE SCHULE DER ATHEISTEN), die sich auf höchstem literarischen Niveau damit auseinandersetzen, wie die Überlebenden in den dann noch vorhandenen Zivilisationsresten zurechtkommen.Literatur gehören Schiffe (schon ganz früh bereits in ihrer Funktion als „Weltraum-Schiffe“) zum gängigen „Maschinenpark“. Ob als Mittel zur Fortbewegung oder der Rettung, als kurzfristiges Reisegefährt oder als Heimat über viele Generationen hinweg – ein Schiff taugt einfach immer.

DIE GELEHRTENREPUBLIK, Arno Schmidts „Kurzroman aus den Roßbreiten“ (entstanden 1957), spielt im Jahr 2008, nachdem ein Atomkrieg weite Teile der Welt unbewohnbar gemacht hat, und erzählt aus der Sicht des Journalisten Charles Henry Wiener von dessen Weg zur und seinen Erfahrungen auf der IRAS – der „International Republic for Artists and Scientists“ –, einem riesigen Schiff, dass die zukünftige politische Weltlage im Kleinen spiegelt.

Nach dem verheerenden Krieg hat sich die überlebende Menschheit, unter Führung von USA und Russland, darauf geeinigt, ein „neutrales“ Refugium für Kunst und Wissenschaften zu errichten, um weitere kriegsbedingte Verluste von Kunstwerken und Wissen zu vermeiden. Diese „Gelehrtenrepublik“, ein gigantisches, ovales Schiff von mehr als fünf Kilometern Länge, praktisch eine schwimmende Insel, kreuzt in den Roßbreiten und dient einer ausgewählten Schar von Künstlern und Wissenschaftlern als Heimat. Wiener wurde aus Gründen der Propaganda ausgewählt, die IRAS zu besuchen und darüber zu schreiben.

Wieners fast unglaubliche Abenteuer beginnen schon während der Anreise, die offensichtlich sabotiert werden soll. Nur durch Zufall und tätige Mithilfe von zu Zentauren mutierten Mischwesen überlebt er den Marsch durch den „Hominidenstreifen“, der die Reste der USA in zwei Hälften teilt. Glücklich auf dem Schiff angelangt, gerät Wiener fast zwangsläufig zwischen die Fronten, die sich dort zwischen der Steuerbord- und Backbordseite gebildet haben. Er soll als Vermittler fungieren, erhält dadurch Zugang zu den jeweiligen Schiffs-Hälften und erkennt schnell, dass hier nicht Kunst und Wissenschaft, sondern die Politiker und Geheimdienste das Sagen haben. Trotz seines aufopferungsvollen Einsatzes in diversen Betten auf beiden Seiten scheitert seine Mission.

Schmidts Schlussbild der immer schneller um die eigene Achse kreiselnden Insel – hervorgerufen durch gegenläufige Schraubenumdrehungen am Antrieb jeder Schiffshälfte –, ist sowohl eine Reminiszenz an Jules Verne (dessen PROPELLERINSEL von 1895 für viele Details Pate stand) wie ein resigniertes Eingeständnis seines Unglaubens an die „Erkenntnisfähigkeit“ oder den Willen zur Veränderung beim „Homo Politicus“.

 Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

Arno Schmidt

DIE GELEHRTENREPUBLIK.

Kurzroman aus den Roßbreiten.

Erstausgabe: Karlsruhe, Stahlberg, 1957, 225 S.

Taschenbuchausgabe:

Frankfurt/M., Fischer Taschenbuchverlag, 2004, 208 S.

ISBN 978-3-596-29126-7 / 8,95 Euro

H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Auch wenn der junge englische Aushilfslehrer, Journalist und Gelegenheitsschriftsteller Herbert George Wells außer seinem 1895 erstmals erschienen Kurzroman THE TIME MACHINE / DIE ZEITMASCHINE weiter nichts mehr veröffentlicht hätte, wäre ihm sein Platz in der Literaturgeschichte sicher. Erfand Wells damit doch eines der archetypischen Themen der Science Fiction und legte so den Grundstein zu einem neuen, sehr erfolgreichen und produktiven Genre der Unterhaltungsliteratur.

Gleichzeitig mit der genialen Idee muss man Mr. Wells auch noch eine außergewöhnlich gut gelungene literarische Komposition zubilligen, eine stilistische Sicherheit und poetische Qualität, die von seinen Nachfolgern nur sehr wenige zu erreichen vermochten.

Eingebettet in eine wohldurchdachte Rahmenhandlung, in der ein englischer Wissenschaftler seinen Freunden eine Vorlesung über die „vierte Dimension“ – die Zeit – gibt und ihnen im Anschluss an seine Überlegungen deren Relevanz anhand einer selbstgebastelten Zeitmaschine „beweisen“ will, schickt Wells seine Leser per Gedankenspiel in verschiedene zukünftige Epochen des Universums. Am Bekanntesten wurde jener Zwischenstopp im Jahr 802701, bei dem der anonym bleibende Zeitreisende die Welt der Eloi und Morlocks kennen lernt. Diese Episode nimmt sowohl im Buch wie auch in den Verfilmungen jeweils den meisten Raum ein, wobei die eingeflochtene romantische Liebesgeschichte natürlich auch das anziehendste erzählerische Moment besitzt.

Nicht vergessen sollte man jedoch jene Passage des Buches, in denen der Reisende auf der Flucht vor den Morlocks immer weiter in die Zukunft des Planeten Erde gelangt. Dabei setzt Wells die Stopps in immer größeren Schritten – nicht mehr nach Jahrtausenden, sondern nach Jahrmillionen und -milliarden. H. G. Wells war als rational denkender Mensch ein früher und überzeugter Vertreter der Evolutionslehre Charles Darwins, weshalb er sich jeder Sentimentalität enthält. Die entfernte Zukunft der Welt kennt keine Menschen mehr, es gibt schließlich auch keine Säugetiere mehr, keine hochentwickelten Lebewesen – riesigen Amöben gleich schleppen sich die letzten Zeugen einer einstmals blühenden Flora und Fauna unter einer stillstehenden, erkalteten Sonne ans Ufer eines langsam zufrierenden Meeres.

Es gehört zu den großartigen Leistungen dieses schmalen Buches, dass der Zeitreisende (und mit ihm der Leser) nach dem Miterleben dieses trostlosen Endes keinesfalls traurig oder entmutigt aufgibt, sondern – nachdem er erschöpft und ausgelaugt wieder im heimatlichen London angekommen ist – nur kurz innehält, seine Reserven mobilisiert und sich dann mit einem Beutel voller hilfreicher Gegenstände erneut aufmacht – wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie!

 Herrmann Ibendorf

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 Für Datenhungrige:

  H. G. Wells

  Die Zeitmaschine. Roman.

  Ü: Annie Reney und Alexandra Auer

  (The Time Machine. An Invention. / 1895)

  München, Deutscher Taschenbuchverlag, 2008, 160 S.

  ISBN 978-3-423-19123-4 / 9,90  Euro

  Verfilmt unter dem Titel: THE TIME MACHINE 1960 & 2002

Cormac McCarthy – Die Straße

In seiner amerikanischen Heimat wird Cormac McCarthy vor allem als realistischer Autor geschätzt, der sein Land, seine Mitmenschen, seine Gesellschaft sehr genau beobachtet und beschreibt. Seine knappen, nichtsdestoweniger glaubwürdigen Charakterdarstellungen und die in ihrer Art einmaligen Dialoge begeistern Leser und Kritiker. Man könnte seine Prosa wohl am ehesten mit dem von Arno Schmidt geprägten Begriff „dehydriert“ umschreiben.

Mit THE ROAD (deutsch unter dem Titel DIE STRASSE im Rowohlt Verlag erschienen) legte der Autor 2006 einen phantastischen Roman vor, ein post-apokalyptisches Science-Fiction-Werk, etwas, womit kaum jemand gerechnet hatte. Allerdings hatte McCarthy schon früher bewiesen, dass jeder Versuch, ihn in eine Schublade einzuordnen, zum Scheitern verurteilt ist: zu vielfältig sind seine Sichtweisen, Themen und Stilmittel. Wie alle große Literatur steht auch DIE STRASSE über allen Genrebeschränkungen. Der Autor nimmt sich, was er für die Darstellung seines Anliegens braucht aus den eleganten Zimmern der weltliterarischen Formen – oder aus der „Rumpelkammer“ der Zukunftsliteratur.

In DIE STRASSE scheint niemals die Sonne. Immer ist der Himmel wolkenverhangen, mal fällt Schnee, mal Regen, mal ziehen Rauchwolken, mal Staubschleier durch das Blickfeld eines Vaters, der mit seinem Sohn durch ein fast menschenleeres, verheertes Nordamerika zieht. Ihr Ziel ist „der Süden“, weil es da vielleicht wärmer ist (denn in diesem Buch ist es auch durchgängig kalt, wobei McCarthy mindestens so viele Formen von „kalt“ kennt, wie die Inuit Namen für „Schnee“ haben), allerdings führen die von den Beiden benutzten „Straßen“ vor allem nach Westen. Es ist das Meer, das Vater wie Sohn erreichen wollen, angetrieben durch die uneingestandene Sehnsucht, nach all dem Grau noch einmal etwas zu sehen, das Farbe hat – das „Blau“ einer unmöglichen Hoffnung.

Seit einiger Zeit werden weltweit verstärkt die Auswirkungen einer Klimakatastrophe thematisiert. Dabei scheint es relativ egal, ob es zu der vom Treibhauseffekt bewirkten Aufheizung der Atmosphäre kommt, oder, wie von anderen befürchtet, zum „Nuklearwinter“ nach dem großflächigen Einsatz der Atomwaffen. Verlierer wird in jedem Fall die gesamte Menschheit sein. Die von den Wissenschaftlern vorgetragenen Thesen, die Zahlen, die Rechenbeispiele, die abstrakt dargestellten Bedrohungen – das alles führt zwar dazu, dass die Problematik rationell wahrgenommen wird, aber es lässt dem Individuum immer noch den Ausweg des Zweifels. Die Ungenauigkeit der Berechnungen, der Widerspruch einzelner Fachleute gegen die Theorien ihrer Kollegen, der undefinierbare Zeitpunkt der Katastrophe helfen uns dabei, die Augen zu verschließen und erst einmal weiterzumachen.

Diesen Ausweg lässt DIE STRASSE nicht zu. Bei McCarthy ist das (stets befürchtete) „Ereignis“ eingetreten, dessen Auswirkungen haben das Land und die Leute verändert – und es ist eine schreckliche, eine „unmenschliche“ Welt, die entstanden ist. In seiner ebenso faszinierenden wie erschreckenden Geschichte dieser Katastrophenzeit wird der Mensch zur Kreatur, die kaum mehr in der Lage ist zu agieren, sondern instinktgesteuert reagieren muss, um ihr bejammernswertes Leben für einen weiteren Tag, eine weitere Stunde, zu „retten“.

Gnadenlos, ohne Rücksicht auf (falsche) Empfindlichkeiten, zeigt der Autor die Ergebnisse einer falschen Politik (gleich, ob nun Umwelt- oder „Friedens“-) und erweist sich, gerade durch die Nutzung des Phantastischen, erneut als großer Realist.

 Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

Cormac McCarthy 

Die Straße. Roman.

Deutsch von Nikolaus Stingl

(The Road / 2006)

Buchausgabe:

Reinbek, Rowohlt, 03/2007, 253 S.

ISBN 978-3-498-04507-4 / 19,90 Euro

Auch als Rowohlt-Taschenbuch:

ISBN 978-3-492-24600-5 / 8,95 Euro

Verfilmt unter dem Titel: THE ROAD

Zwölf Monate bis zum Weltuntergang

Angesichts des Jahreswechsels 2011/2012 gab es (wie eigentlich fast immer) die bekannten Meldungen über das bevorstehende Weltende. Da es sich in den letzten Jahren jedoch einige selbsternannte „Fachleute“ in den Kopf gesetzt haben, dies mit dem Ablauf einer bestimmten Zeitperiode im sogenannten „Maya-Kalender“ zu begründen, soll der 21. Dezember 2012 diesmal das entscheidende Datum sein.

Das Ende der Welt: Apokalypse, Armageddon, Fegefeuer – viele Namen für ein Ereignis, dessen Eintritt auch das Ende aller Geschichten bedeuten würde. Also muss man diese schnell noch vorher erzählen.

Weltuntergänge kommen vor – vor allem in der Science-Fiction-Literatur. Wenn man einen Blick in die Historie dieses unterhaltsamen Genres wirft, findet man leicht eine ganze Reihe ausgefeilter Weltuntergangsphantasien, apokalyptischer Beschreibungen von Katastrophen globalen oder sogar kosmischen Ausmaßes und prophetisch-visionäre Geschichten von kommenden Veränderungen.

Es hat bereits vor mehr als einhundert Jahren – als der Maya-Kalender noch niemanden in Mitteleuropa interessierte – solche Erzählungen gegeben. Und es wird sie wohl auch in mehr als einhundert Jahren noch geben. Im Vertrauen darauf stellen wir Ihnen in den nächsten zwölf Monaten zwölf literarische Meisterwerke vor, deren gemeinsamer Bezugspunkt eben der „Weltuntergang“ ist. Viel Vergnügen dabei.

 Herrmann Ibendorf

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Neues auf meinem Büchertisch (175)

Das war eine herrliche „Begegnung der 3. Art“ – neulich in der Würzburger Uni-Bibliothek –, die Lesung von und anschließende Diskussion mit Dietmar Dath.

Dath, seines Zeichens Schriftsteller und Journalist, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor diverser Bestseller (zuletzt DIE ABSCHAFFUNG DER ARTEN, Suhrkamp, 2008), las aus unveröffentlichten Texten vor – und dies gezielt in der Absicht, deren Wirkung auf sein Publikum zu überprüfen. Spannend also. Die „Werkstatt“-Diskussion war lebhaft und zeigte einen eloquenten, geistreichen Menschen, der gerne über sich und seine Arbeit spricht, gleichzeitig aber sehr Empathisch auf sein Publikum eingeht.

Da traf es sich dann außerordentlich gut, dass auf dem Büchertisch auch ein Buch präsentiert wurde, das mir noch unbekannt war: DIETMAR DATH – ALLES FRAGEN, NICHTS FÜRCHTEN (Verlag Das Neue Berlin, 2011) von Martin Hatzius. Ein Interview über 240 Seiten!? Etwaige Bedenken ob dieser doch sehr ungewohnten Länge zerstoben bereits nach wenigen Seiten, danach war nur noch „durchfressen“ angesagt.

Natürlich hat es geholfen, dass Dath (Jahrgang 1970 und aus Baden-Württemberg stammend) viele literarische Hausgottheiten anbetet, die auch in meinem Schrein stehen, und natürlich war es spannend, das Leben dieses hochintelligenten jungen Mannes quasi Live „mit zu verfolgen“. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass man auch ohne nähere Kenntnis von Autor und Werk viel Vergnügen an diesem Buch haben kann. Martin Hatzius gelingt es nämlich in sehr unaufdringlicher Weise den „Dampf-Plauderer“ Dath am Reden zu halten. Manchmal fragt er mehrmals nach, wenn Dath eine Lebensstation etwas zu schnell „abhaken“ will, größtenteils braucht es jedoch nur wenige Stichworte und die Geschichten fließen.

Wie alle wirklich guten Erzähler macht auch Dath seine Anekdoten und Pointen an realen Personen fest, erzielt so größtmögliche Wirkung und macht selbst aus so trockenen Themen wie etwa einem Redaktionsalltag in Frankfurt unterhaltsame Information.

Vergnüglich und kurzweilig erhält man so einen Überblick über das bisherige Leben eines interessanten Menschen, der sicher nicht nur Aufgrund seiner Stellung als FAZ-Redakteur und Suhrkamp-Autor zu den wichtigen Stimmen unter Deutschlands Meinungsmachern gehört.

ZITAT

„Es gibt doch nichts Einfacheres, als in die Bild-Zeitung zu kommen. Ich muss nämlich einfach nur auf der nächsten Buchmesse auf irgendeinem Suhrkamp-Empfang dem Peter Handke eine runterhauen,  dann stehe ich in der Bild-Zeitung.“

Dietmar Dath – ALLES FRAGEN, NICHTS FÜRCHTEN (S. 64)

 

Herrmann Ibendorf

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Für Datenhungrige:

 Martin Hatzius

DIETMAR DATH – ALLES FRAGEN, NICHTS FÜRCHTEN.

Berlin, Das Neue Berlin, 2011, 240 S.

ISBN 978-3-360-02125-0 / 17,95 Euro