Cormac McCarthy – Die Straße

In seiner amerikanischen Heimat wird Cormac McCarthy vor allem als realistischer Autor geschätzt, der sein Land, seine Mitmenschen, seine Gesellschaft sehr genau beobachtet und beschreibt. Seine knappen, nichtsdestoweniger glaubwürdigen Charakterdarstellungen und die in ihrer Art einmaligen Dialoge begeistern Leser und Kritiker. Man könnte seine Prosa wohl am ehesten mit dem von Arno Schmidt geprägten Begriff „dehydriert“ umschreiben.

Mit THE ROAD (deutsch unter dem Titel DIE STRASSE im Rowohlt Verlag erschienen) legte der Autor 2006 einen phantastischen Roman vor, ein post-apokalyptisches Science-Fiction-Werk, etwas, womit kaum jemand gerechnet hatte. Allerdings hatte McCarthy schon früher bewiesen, dass jeder Versuch, ihn in eine Schublade einzuordnen, zum Scheitern verurteilt ist: zu vielfältig sind seine Sichtweisen, Themen und Stilmittel. Wie alle große Literatur steht auch DIE STRASSE über allen Genrebeschränkungen. Der Autor nimmt sich, was er für die Darstellung seines Anliegens braucht aus den eleganten Zimmern der weltliterarischen Formen – oder aus der „Rumpelkammer“ der Zukunftsliteratur.

In DIE STRASSE scheint niemals die Sonne. Immer ist der Himmel wolkenverhangen, mal fällt Schnee, mal Regen, mal ziehen Rauchwolken, mal Staubschleier durch das Blickfeld eines Vaters, der mit seinem Sohn durch ein fast menschenleeres, verheertes Nordamerika zieht. Ihr Ziel ist „der Süden“, weil es da vielleicht wärmer ist (denn in diesem Buch ist es auch durchgängig kalt, wobei McCarthy mindestens so viele Formen von „kalt“ kennt, wie die Inuit Namen für „Schnee“ haben), allerdings führen die von den Beiden benutzten „Straßen“ vor allem nach Westen. Es ist das Meer, das Vater wie Sohn erreichen wollen, angetrieben durch die uneingestandene Sehnsucht, nach all dem Grau noch einmal etwas zu sehen, das Farbe hat – das „Blau“ einer unmöglichen Hoffnung.

Seit einiger Zeit werden weltweit verstärkt die Auswirkungen einer Klimakatastrophe thematisiert. Dabei scheint es relativ egal, ob es zu der vom Treibhauseffekt bewirkten Aufheizung der Atmosphäre kommt, oder, wie von anderen befürchtet, zum „Nuklearwinter“ nach dem großflächigen Einsatz der Atomwaffen. Verlierer wird in jedem Fall die gesamte Menschheit sein. Die von den Wissenschaftlern vorgetragenen Thesen, die Zahlen, die Rechenbeispiele, die abstrakt dargestellten Bedrohungen – das alles führt zwar dazu, dass die Problematik rationell wahrgenommen wird, aber es lässt dem Individuum immer noch den Ausweg des Zweifels. Die Ungenauigkeit der Berechnungen, der Widerspruch einzelner Fachleute gegen die Theorien ihrer Kollegen, der undefinierbare Zeitpunkt der Katastrophe helfen uns dabei, die Augen zu verschließen und erst einmal weiterzumachen.

Diesen Ausweg lässt DIE STRASSE nicht zu. Bei McCarthy ist das (stets befürchtete) „Ereignis“ eingetreten, dessen Auswirkungen haben das Land und die Leute verändert – und es ist eine schreckliche, eine „unmenschliche“ Welt, die entstanden ist. In seiner ebenso faszinierenden wie erschreckenden Geschichte dieser Katastrophenzeit wird der Mensch zur Kreatur, die kaum mehr in der Lage ist zu agieren, sondern instinktgesteuert reagieren muss, um ihr bejammernswertes Leben für einen weiteren Tag, eine weitere Stunde, zu „retten“.

Gnadenlos, ohne Rücksicht auf (falsche) Empfindlichkeiten, zeigt der Autor die Ergebnisse einer falschen Politik (gleich, ob nun Umwelt- oder „Friedens“-) und erweist sich, gerade durch die Nutzung des Phantastischen, erneut als großer Realist.

 Herrmann Ibendorf

www.temporamores.de

 

Für Datenhungrige:

Cormac McCarthy 

Die Straße. Roman.

Deutsch von Nikolaus Stingl

(The Road / 2006)

Buchausgabe:

Reinbek, Rowohlt, 03/2007, 253 S.

ISBN 978-3-498-04507-4 / 19,90 Euro

Auch als Rowohlt-Taschenbuch:

ISBN 978-3-492-24600-5 / 8,95 Euro

Verfilmt unter dem Titel: THE ROAD